Die Siebziger
Die Siebziger
Ich wurde 1965 geboren und gehöre wohl zu den glücklichsten Menschen mit den schönsten Kindheits- und Jugenderinnerungen. Die 70er waren für uns Kinder eine Zeit der Unbeschwertheit und Freiheit, wie es seinesgleichen sucht. Wir bekamen nur am Rande etwas mit vom kalten Krieg, dem RAF-Terror, dem Vietnam Krieg, dem Kniefall Willy Brandts in Warschau, der Ölkrise und sonstigen politischen Schwierigkeiten.
Wir haben einfach gelebt. Nach der Schule flog der Schulranzen in die Ecke und wir gingen raus. Niemand wusste wohin wir gingen oder auf unserem Fahrrad fuhren. Wir mussten zum Abendessen wieder daheim sein; spätestens, wenn es dunkel wurde. Was wir bis dahin gemacht haben, wusste niemand. Am allerwenigsten unsere Eltern. Wir spielten im Wald, bauten Höhlen, fuhren auf dem Fahrrad ins Dorf und niemand machte sich Sorgen. Abends dann fernsehen: Bonanza, rauchende Colts, die Waltens, Dick und Doof, unsere kleine Farm und WINNETOU. Das jüngste Familienmitglied diente als Fernbedienung, die es damals noch nicht gab und musste jedes Mal aufstehen und umschalten, wenn das Programm (glücklicherweise gab es nur 3) gewechselt werden sollte. Irgendwann in den 70ern wurden wir eingeladen. Unser Nachbar war der erste in unserer Straße, der einen Farbfernseher hatte und lud uns ein. Es gab Winnetou, der erste Film, den ich in Farbe sehen durfte: “der Schatz im Silbersee“. Kein Film hat sich jemals so eingeprägt, wie dieses Erlebnis. Den Helden meiner Kindheit in Farbe zu bewundern, war zu der Zeit das Beste, was ich jemals erlebt hatte. Wir spielten wochenlang nach der Ausstrahlung im Wald: Cowboy und Indianer. Jeder, einfach alle der mitspielenden Kinder aus dem Dorf wollten Winnetou sein! Es konnte nur einen geben, aber alle übriggebliebenen wollten zumindest zum Stamm der Apachen gehören. Sie waren unsere Helden. Karl May hat meine Kindheit und die Kindheit unzähliger anderer Kinder geprägt. Wer bisher nicht unbedingt gern ein Buch gelesen hatte, fing spätestens jetzt damit an. Wir alle lasen die abenteuerlichen Geschichten Karl Mays.
Und heute dürfen wir nicht mal mehr das Wort Indianer nutzen, weil wir indigene Völker beleidigen. Ich kann euch allen versichern: nichts liegt mir ferner. Die Geschichten Karl Mays sollen verboten werden. Bitte nicht. Sie gehören zu unserer Kindheit zu unserer Kultur!
An alle Personen, die heute entscheiden: Bitte lasst uns unsere Helden der Kindheit. Wenn ihr zukünftig, in neuen Geschichten die Wortwahl ändert, weil der Ausdruck Indianer nicht mehr zeitgemäß ist, OK macht das. Neue Zeiten erfordern Veränderungen und wir müssen uns alle immer weiterentwickeln. ABER: Das funktioniert nicht, wenn wir die Vergangenheit umschreiben bzw. verbieten. Karl Mays Geschichten haben eine ganze Generation geprägt. Das sollte man nicht auslöschen bzw. leugnen. Lasst uns unsere Helden. Sie gehören zu unserer Kultur in den 70er Jahren.
Heute scheint das nicht mehr gewünscht…Ok dann ändert diese Dinge, diese Ausdrücke für die Zukunft. Gestaltet die Zukunft, der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt, aber lass uns unsere Vergangenheit.
Dörte Thomsen
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